Maria fiel: die Pilgerin des Glaubens

Von Prof. Dr. Daniel C. Afonso · Aktualisiert am
Maria, die Pilgerin des Glaubens
Der Glaube ist das charakteristischste Merkmal des geistlichen Lebens Marias. Elisabeth preist sie als “selig, die geglaubt hat” (Luk 1,45), bevor sie andere Lobpreise erwähnt. Für die theologische Tradition und für das Zweite Vatikanische Konzil ist Maria die Getreue schlechthin, ein Vorbild für die ganze Kirche, weil ihr Glaube von schwieriger, dramatischer und pilgernder Art war, nicht eine einfache Gewissheit.
Der Glaube in der Verkündigung
Die Verkündigung wirft Maria sofort in den Glauben. Die Begrüßung des Engels: “Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir” (Luk 1,28) lädt sie ein, sich auf einer neuen ontologischen Ebene zu verstehen, die sie überrascht und “verwirrt”. Als der Engel ihr die göttliche und jungfräuliche Schwangerschaft ankündigt, steht Maria vor dem nach menschlichem Maßstab absolut Unmöglichen. Ihr Glaube ist ein paradoxer Glaube: das Akzeptieren, den Sohn Gottes zu gebären, während sie Jungfrau bleibt, und dies durch die Überschattung des Heiligen Geistes. “Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du gesagt hast” (Luk 1,38) ist die Bekundung einer vollen Demut, aber vor allem der Akt einer freien und bewussten Hingabe an das Wort Gottes, das schöpferisch wird. Mehrere Gelehrte sehen in Marias Fiat eine Analogie zum Fiat der Schöpfung: die neue Schöpfung beginnt mit einem paradoxen Akt des Glaubens.
Der Glaube im Laufe von Jesu Leben
Alle nachfolgenden Ereignisse im Leben Marias lassen sich nur im Licht des Glaubens verstehen. Die extreme Armut in Bethlehem, die Geburt in einer Scheune, das Exil in Ägypten: wo ist das “Reich”, das der Engel versprochen hatte (Luk 1,32-33)? Lukas beschreibt, wie Maria diese Spannung erlebt: “Maria bewahrte alle diese Dinge in ihrem Herzen” (Luk 2,19). Es ist keine beruhigende Meditation, sondern eine quälende Suche nach dem Sinn der Ereignisse. Als Jesus mit zwölf Jahren im Tempel bleibt, ohne die Eltern zu informieren, und sagt: “Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meines Vaters ist?” (Luk 2,49), bekräftigt der Evangelist Marias Unverständnis (Vers 50). Sie lernt, dass dieser Sohn nicht in ihre Vorstellungen passt. Während des öffentlichen Lebens Jesu relativiert er wiederholt familiäre Bindungen (Matth 12,46-50; Luk 11,27-28) und ruft Maria dazu auf, ihren Glauben kontinuierlich zu vertiefen, der niemals sicherer Besitz ist, sondern immer wieder neu geöffnet werden muss.
Der Glaube am Kreuz
Der Evangelist Johannes ist der Einzige, der von Marias Präsenz am Kreuz (Joh 19,25) berichtet. Diese Notiz ist theologisch reich: Dort, wo der Glaube der Jünger an seine Grenze gestoßen war, stand Maria. Ihr Glaube durchlief die radikalste Prüfung: den Tod ihres Sohnes als Verurteilter mitanzusehen. Die Szene, in der der Jünger Maria und Maria dem Jünger anvertraut wird (Joh 19,26-27), verleiht Marias “Bleiben” am Kreuz eine universelle Erlösungsbedeutung: Sie empfängt die geistliche Mutterschaft der aufblühenden Kirche und nimmt den Willen des Sohnes in ihrem Glauben an.
Maria, die Pilgerin des Glaubens nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil
Die Lehre von Lumen Gentium über Marias Glauben
Das Dokument Lumen Gentium formuliert auf lehramtlicher Ebene die Synthese über den Glauben Marias: “Die selige Jungfrau ging den Pilgerweg des Glaubens und bewahrte bis zum Kreuz treu ihre Vereinigung mit dem Sohn” (LG 58). Der Konzilstext betont, dass Maria nicht bloß ein passives Instrument in Gottes Händen war (LG 56), sondern in Freiheit und Gehorsam mitwirkte. Diese Aussage ist entscheidend: Maria, die Getreue, ist nicht nur die Begünstigte, sondern auch die Mitverantwortliche. Ihr “Ja” war die Handlung eines Menschen, der “nein” sagen konnte. Der Begriff “Pilgerin” ist ebenfalls entscheidend: Marias Glaube war ein Weg mit Phasen des Nichtverständnisses und des Voranschreitens im Dunkeln, kein direkter Blick. “Voranschreiten” deutet auf Fortschritt, Dynamik und unaufhörliches Wachstum hin.
Maria als Vorbild für den Glauben der Kirche
Lumen Gentium stellt Maria als Typ und Modell der Kirche dar, genau wegen ihres Glaubens: Die Kirche “betrachtet ihre geheimnisvolle Heiligkeit und imitiert ihre Liebe” (LG 64). Genau wie Marias Unbefleckte Empfängnis durch Glauben möglich wurde, gebiert die Kirche Kinder Gottes durch das im Glauben empfangene Wort und die gefeierte Taufe. Bei Maria gibt es keine Trennung zwischen “Frau” und “Gläubige”: Ihre volle menschliche Verwirklichung entspringt vollständig ihrem Glauben. Diese Einheit ist das aktuellste Modell für den zeitgenössischen Christen, der versucht, den Glauben auf die private Sphäre zu beschränken. Maria lehrt, den Glauben in das Leben einzubetten, jedes normale Ereignis des Daseins übernatürlich zu gestalten. Sie, die als “gesegnet unter den Frauen” (Lukas 1,42) bezeichnet wurde, ist es nicht nur wegen der biologischen Geburt des Sohnes Gottes, sondern vor allem weil sie “den Mut hatte, an das Unmögliche zu glauben” (Lukas 1,45).
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Maria durchwanderte die Pilgerreise des Glaubens und in diesem Glauben bewahrte sie ihre Vereinigung mit dem Sohn bis zum Kreuz.
Papst Johannes Paul II., Enzyklika Redemptoris Mater, Nr. 14 (25. März 1987)
📚 Direkte Übersetzung: Maria durchlief die Pilgerreise des Glaubens und in diesem Glauben bewahrte sie ihre Vereinigung mit dem Sohn bis zum Kreuz.
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