„Seht, das ist eure Mutter“ (Johannes 19,27): Erläuterung und Mariologie

# Der Kontext von Johannes 19,25-27Johannes 19,25-27 beschreibt einen einzigartigen Moment in der biblischen Überlieferung: die Übergabe Marias an den Geliebten Jünger am Fuße des Kreuzes. Der griechische Text lautet: „Jesus sah seine Mutter und den Jünger, den er liebte, bei sich und sprach zu seiner Mutter: ‚Frau, siehe, dein Sohn‘. Dann sprach er zum Jünger: ‚Siehe, deine Mutter‘. Und von diesem Moment an nahm der Jünger sie als seine Mutter auf“ (Johannes 19,26-27). Dieser Abschnitt, einzigartig im Evangelium nach Johannes, gehört zu den am meisten kommentierten Texten in der Geschichte der Mariologie und der neutestamentlichen Exegese.## Die Szene am KreuzJohannes 19,25 erwähnt die Frauen am Fuße des Kreuzes: Maria, Jesus’ Mutter, seine Tante (Maria von Klopas) und Maria Magdalena. Marias Anwesenheit steht im Kontrast zur Flucht der männlichen Jünger (Markus 14,50) und bildet den Kern einer treuen Zeugengruppe am Kreuz. Der „Geliebte Jünger“ (ho mathētēs hon ēgapa), traditionell mit Johannes dem Evangelisten identifiziert, ist der einzige Apostel, der namentlich genannt wird. Die gleichzeitige Anwesenheit von Maria und dem Geliebten Jünger schafft die grundlegende Szene der mütterlichen Hingabe.## „Frau, siehe deinen Sohn“, der Ruf „Frau“Der Ruf „Frau“ (gynē) in Johannes 19,26 hallt den gleichen Ausdruck in Johannes 2,4 wieder (die Hochzeit zu Kana: „Frau, was ist zwischen mir und dir?“). Die Absicht des Evangelisten Johannes ist deutlich: sowohl im Kapitel 2 als auch im Kapitel 19 wird Maria als „Frau“ angesprochen. Der Titel ruft die „Frau“ von Genesis 3,15 (das erste Evangelium) und die „Frau“ von Offenbarung 12,1 („bekleidet mit der Sonne“) auf, indem er Maria mit der neuen Eva und der Mutter der Kirche in Verbindung bringt. Raymond Brown, in seinem Kommentar zum Evangelium nach Johannes, bemerkt, dass das Wort „Frau“ im Griechischen nie affektiv, sondern immer respektvoll und distanziert ist, hier sogar in einer feierlichen Form.## „Siehe deine Mutter“, die universelle MutterschaftWenn Jesus dem Geliebten Jünger sagt: „Siehe deine Mutter“ (Johannes 19,27), bieten Exegeten zwei Interpretationsniveaus an:1. **Historisch-literal**: Jesus überträgt seine Mutter in die Obhut des Jüngers, da Joseph wahrscheinlich bereits verstorben war. 2. **Theologisch-eichenspezifisch**: Der Jünger repräsentiert alle Jünger der Zeit, und jeder Gläubige empfängt Maria als seine Mutter. Die Lumen Gentium (Nr. 61) fasst diese zweite Lesart auf: „Maria, die in besonderer Weise an der Erlösungsarbeit des Herrn teilhatte, wurde zur Mutter im Bereich der Gnade“. Johannes Paul II. widmet im Kapitel III seiner Enzyklika Redemptoris Mater (1987) der „Mutterschaft Marias gegenüber den Gläubigen“ aus Johannes 19,27 einen besonderen Abschnitt.## „Sie nahm sie als ihre auf“, die eucharistische DimensionDer Ausdruck „und von diesem Moment an nahm der Jünger sie als seine Mutter auf“ (Johannes 19,27b) verwendet dieselbe Phrase wie in Johannes 1,11 („Und kam zu dem, was ihm gehörte, und die Seinen nahmen ihn nicht auf“). In umgekehrter Bedeutung: Wo Israel Jesus ablehnte, nimmt der Jünger Maria auf. Einige Theologen (Feuillet, Galot) sehen in „der Stunde“ (hōra) eine Anspielung auf „die Stunde“ Jesu (Johannes 2,4; 12,23; 17,1), um zu betonen, dass Marias Übergabe am Kreuz im Moment der vollen Erlösung stattfindet. Maria wird der Kirche genau dann überantwortet, wenn Jesus sein Leben gibt.

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