Aufnahme Mariens in den Himmel: das Dogma von 1950 und das Schicksal ihres glorifizierten Körpers

# Was ist das Dogma der Aufnahme Mariens?

Die **Aufnahme Mariens** ist ein katholisches Dogma, das verkündet, dass die Jungfrau Maria, nach Abschluss ihres irdischen Lebens, mit Körper und Seele in den himmlischen Glanz aufgenommen wurde. Es wird nicht unbedingt behauptet, dass Maria vor ihrer Aufnahme gestorben ist; die Frage nach ihrem Tod oder ihrer **Enschlafung** bleibt theologisch offen, aber es ist fest im Glauben verankert, dass sie nun in Körper und Seele bei Gott im Himmel weilt.

Dieses Dogma wurde am 1. November 1950 durch Papst Pius XII. in der Apostolischen Konstitution **Munificentissimus Deus** feierlich definiert – die letzte dogmatische Erklärung in der Geschichte der Katholischen Kirche bis zu diesem Zeitpunkt. Es ist das älteste und universellste Marienfest im liturgischen Kalender, gefeiert am 15. August.

## Die Definition von 1950: Munificentissimus Deus

Nach einer umfassenden Konsultation mit der Weltbischofskonferenz, in der fast einmütig Bischöfe und Theologen bestätigten, dass die Aufnahme Mariens zum Glaubensdepot gehörte, verkündete Pius XII. das Dogma wie folgt:

> “Die unbefleckte Mutter Gottes und immer Jungfrau Maria wurde, nachdem sie den Lauf ihres irdischen Lebens abgeschlossen hatte, mit Körper und Seele in den himmlischen Glanz aufgenommen.”

Die Formulierung des Dogmas ist absichtlich sorgfältig gewählt: Es wird von einer passiven Stimme (“aufgenommen”) Gebrauch gemacht, was darauf hinweist, dass Maria von Gott empfangen wurde, im Gegensatz zur Aufstieg Christi, der ein Akt Jesu selbst war. Die Frage, ob Maria gestorben ist, bleibt absichtlich offen (Transitus oder Enschlafung): Die ostliche Theologie spricht von “Enschlafung” (Koimesis), während die westliche Theologie oft den Tod als Voraussetzung für die vollständige Herrlichkeit ansieht.

## Theologische Grundlagen des Dogmas

1. **Die Unbefleckte Empfängnis als Grundlage:**

Die Aufnahme ist theologisch untrennbar mit der **Unbefleckten Empfängnis** verbunden. Wenn Maria vom ursprünglichen Sündenfall und seinen letzten Folgen, einschließlich des Todes, verschont blieb, dann war es theologisch schlüssig, dass ihr Körper keiner Zersetzung unterworfen war. Die Aufnahme ist in diesem Sinne die logische “Abschluss” der Unbefleckten Empfängnis.

2. **Die göttliche Mutterheit:**

Die Aufnahme hängt auch mit Marias göttlicher Mutterheit zusammen. Wenn Gott Maria als seine Mutter annahm, dann war es nur folgerichtig, dass sie in voller Herrlichkeit bei ihm aufgenommen wurde.

Maria ist die **Theotokos**, Mutter Gottes. Der Körper, der den verkörperten Sohn Gottes gebar, nährte und liebte, konnte nicht dem Verfall preisgegeben werden. Die Würde der göttlichen Maternität erfordert die körperliche Glorifizierung als Ausdruck der Treue Gottes.

### 3. Volle Teilhabe am Ostergeheimnis

Maria verbund sich auf einzigartige Weise mit dem Leid Christi, an dessen Füßen sie am Kreuz stand (Joh 19,25-27), und erlitt mit dem Sohn die angekündigte “Wunde” durch Simeons Prophezeiung (Luk 2,35). Als vollkommenen Jünger ist ihre Teilnahme an der Auferstehung und Verherrlichung des Sohnes ebenso einzigartig. Die Aufnahme in den Himmel ist die Vorwegnahme dessen, was allen Gläubigen versprochen wurde: die Auferstehung des Körpers.

### 4. Die sehr alte Tradition

Die liturgische Feier der “Schlafens- oder Aufnahmegestalt” Marias ist im Osten seit dem 6. Jahrhundert und im Westen seit dem 7. Jahrhundert bezeugt. Apokryphe Texte aus den 2.-3. Jahrhunderten, wie der *Liber Requiei Mariae* und der *Transitus Mariae*, belegen, dass der Glaube an die körperliche Verherrlichung Marias sehr alt ist, obwohl es Jahrhunderte dauerte, bis er eine formelle dogmatische Definition erhielt.

### Aufnahme, Auferstehung und Eschatologie

Ein besonders fruchtbarer Aspekt der Marientheologie ist ihre eschatologische Bedeutung. Maria, die in Körper und Seele aufgenommen wurde, ist das vorweggenommene und verwirklichte Bild des Schicksals aller erlösten Menschheit. In ihrem verherrlichten Körper sieht die Kirche bereits das, was sie für alle Mitglieder der Kirche bei der letzten Auferstehung erwartet.

Papst Johannes Paul II. betonte diesen Aspekt in seiner Katechese über Maria: „Die Aufnahme Marias ist eine einzigartige Teilnahme an der Auferstehung ihres Sohnes und ein Vorzeichen der Auferstehung der übrigen Christen.“ Das Zweite Vatikanische Konzil (LG 68) sieht in Maria „ein Zeichen der gewisseren Hoffnung und des Trostes für das Volk Gottes auf seiner Pilgerreise“.

### Die Aufnahme im liturgischen Kalender

Das Fest der Aufnahme, gefeiert am **15. August**, ist das wichtigste Marienfest im Kirchenjahr und eines der Hauptfeste der katholischen Kirche. Es ist zugleich das älteste Fest im Mariankalender, das die Definition von 1950 um mehr als 1300 Jahre übertrifft.

In Brasilien ist der 15. August auch das Fest Unserer Lieben Frau von Gloria, Schutzpatronin des Bundesstaates Rio de Janeiro, und fällt mit einer der populärsten Zeiten des Marianischen Volksglaubens im Land zusammen.

### Die vier Mariendogmen: Der Platz der Aufnahme

Die Aufnahme ist das vierte der großen **Mariendogmen**, neben der göttlichen Mutterheit (Konzil von Ephesus 431), der ewigen Jungfräulichkeit und der unbefleckten Empfängnis (1854). Zusammen bilden diese vier Dogmen den Kern der dogmatischen Mariologie, der grundlegenden Grammatik theologischer Reflexion über Maria.

### Vertiefung der Marianischen Theologie

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Das Dogma der Aufnahme Mariens ist in einem breiteren Kontext ihres Rollenverständnisses in der Heilsgeschichte verankert, wie es in der Enzyklika *Redemptoris Mater* von Papst Johannes Paul II. dargelegt wird.

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