Die Besuchung der glückseligen Jungfrau Maria

«Exulta et lauda, filia Sion, quoniam magnus in medio tui Sanctus Israel». «Freue dich und jube, Tochter Zion, denn groß ist unter dir der Heilige Israels» (Is 12,6).
I. Die Freude, die aus der Gegenwart Gottes entspringt
Das Gesangswerk des Propheten Sofonias, das den Anfang dieses Gottesdienstes bildet, zählt zu den leuchtendsten Seiten der alttestamentlichen Prophetie. «Freue dich, Tochter Zion, jube, Israel! Freue dich von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem!» (Sf 3,14). Die Einladung zur Freude entspringt nicht einer günstigen menschlichen Situation: Sofonias predigte in einer Zeit der Ungläubigkeit und Bedrohung. Die Freude, die er ankündigt, ist nicht das Ergebnis äußerer günstiger Umstände, sondern die Folge einer inneren Gegenwart: «Der HERR, dein Gott, ist mitten unter dir wie ein Held, der siegt. Er freut sich über dich, er erneuert seine Liebe, er tanzt vor dir her in Freude» (Sf 3,17). Die Umkehrung ist bemerkenswert: Nicht nur Israel freut sich über Gott, sondern Gott freut sich über Israel. Die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk wird hier in ihrer intimsten und leidenschaftlichsten Dimension dargestellt: eine tanzende Liebe, ein singender Liebe, eine Liebe, die sich vor der geliebten Kreatur nicht zurückhält.
Diese Freude, die Sofonias der Tochter Zion ankündigt, findet ihre vollste Verwirklichung in der Besuchung. Maria ist die Tochter Zion par excellence: In ihr wohnt Gott auf einzigartige Weise, und das Versprechen der Gegenwart wird in ihrer Person Fleisch. Als Maria das Haus von Elisabeth betritt, bricht die physisch spürbare Freude aus, die Sofonias prophezeit hatte: Der selbst Johannes der Täufer, noch im Mutterleib, freut sich über die Nähe des Herrn, den Maria mit sich trägt. Die Liturgie dieses Gottesdienstes vereint beide Texte in einer einzigen Kontemplation: Die messianische Freude, die der Prophet versprach, ist die Freude, die Maria in jedes Haus bringt, das sie besucht, denn sie trägt selbst den Emanuel in sich.
II. Die Eile der Nächstenliebe und die Logik des Geschenks
Der Bericht Lukas’ über die Besuchung beginnt mit einer Hinweise, den die spirituelle Tradition nie aus dem Blick verloren hat: «In jenen Tagen machte sich Maria auf und ging eilend in das Bergland nach Judäa, zu einer Stadt von Juda» (Lk 1,39). Marias Eile ist keine Nervosität oder Ungeduld: Sie drückt äußerlich den Ausdruck ihrer inneren Nächstenliebe aus, die nicht zögert, wenn es darum geht, zu dienen. Als sie die Ankündigung des Engels mit der Nachricht von Elisabeths Schwangerschaft empfängt, macht sich Maria sofort auf den Weg. Sie rechnet nicht mit günstigen Umständen, berechnet keine Reisekosten und überlegt nicht, ob es klug ist, alleine durch das Bergland zu reisen. Die Gnade, die sie empfing, verwandelt sich sofort in ein angebotenes Dienstwerk.
Der Besuch Marias bei Elisabeth ist zugleich ein Akt menschlicher Nächstenliebe, ein prophetisches Zeichen und ein Sakrament der göttlichen Gegenwart. Er ist ein Akt menschlicher Nächstenliebe, weil Maria einer älteren Verwandten in ihrer unerwarteten Schwangerschaft hilft. Es ist ein prophetisches Zeichen, weil Marias Ankunft sofort die Manifestation des Heiligen Geistes auslöst. Und es ist ein Sakrament der göttlichen Gegenwart, denn in Maria kommt Christus selbst zur Welt in das Haus von Elisabeth. Die Besuchung vollzieht so im Voraus die sakramentale Logik der Kirche: die Präsenz Christi wird durch menschliche und konkrete Vermittlung wirksam.
III. Das Magnifikat: Der Gesang der messianischen Umkehr
Elisabeths Gruß an Maria ist eine der schönsten mariologischen Bekenntnisse in der ganzen Schrift: «Selig, die du schwanger bist und den Sohn Gottes gebärst! Wie soll ich dich nennen, die da als gesegnet bist zwischen den Frauen? Denn durch die Gnade des höchsten Gottes bin ich selig geworden» (Lk 1,42-43). Getragen vom Heiligen Geist erkennt Elisabeth in Maria die Mutter des Herrn, bevor irgendeine menschliche Erklärung gegeben wird. Marias Muttergottes-Natur, die der Konzil von Ephes (431) später feierlich definieren sollte, ist hier bereits in Elisabets Gruß präsent: «Selig, die du geglaubt hast, dass sich erfüllen würde, was dem Herrn gesagt wurde» (Lk 1,45). Marias Glaube ist vor ihrer körperlichen Muttergottes-Rolle prior, weil es durch den Glauben ist, dass Maria die Mutter Gottes wird.
Als Antwort auf Elisabets Gruß singt Maria das Magnifikat, eines der großartigsten Gedichte der Bibel. «Meine Seele preist den Herrn und mein Geist jubelt in Gott, meinem Retter» (Lk 1,46-47). Marias Lied ist eine Neuinterpretation der ganzen Erlösergeschichte aus der Perspektive der Kleinen: Gott stürzt die Mächtigen von ihren Thronen und erhebt die Demütigen, er sättigt die Hungernden und schickt die Reichen leer davon (vgl. Lk 1,52-53). Diese Umkehrung ist keine soziale Revanche: Sie offenbart die Logik des Reiches, in der Gottes Größe den menschlichen Maßstäben widerspricht. Maria, die «Dienerin» (Lk 1,38.48), wird zur ersten Ikone dieser Umkehr: Die «Demütige» (Lk 1,48) wird zur Mutter Gottes, die «Verachtete» wird als selig gepriesen von allen Generationen.
IV. Maria, Trägerin Christi und Modell der kirchlichen Dienste
Die dritte Messe der Marienkollekte feiert in der Besuchung das Geheimnis Marias als Trägerin Christi in die Welt. Das Christophoros, diejenige, die Christus trägt, ist nicht nur eine anschauliche Bezeichnung für Marias Mission: Es ist einer der ausdrucksstärksten Titel ihrer Aufgabe in der Heilsökonomie. Maria trägt Christus nicht nur neun Monate lang im Mutterleib: Sie trägt ihn in jedem Dienstakt, in jedem Besuch, das Leben anderer durch ihre Vermittlung verwandelt und die Gegenwart Christi offenbart.
Die Kirche sieht in der Besuchung ein Modell für ihr eigenes Sein und Handeln. So wie Maria Christus zu Elisabeth brachte und dadurch Freude, Befreiung und den Heiligen Geist entfachte, ist die Kirche berufen, Christus in jeder Epoche und Kultur zu tragen. Marias Dienst bei Elisabeth ist das Archetyp des kirchlichen Dienstes: kostenlos, dringend, konkret und fähig, in anderen die Gegenwart Gottes erkennen zu lassen.
Das Magnifikat, das Maria in Elisabets Haus singt, ist der Gesang, den die Kirche an jedem Abendgebet fortsetzt, weil die Freude, die bei der Besuchung entfacht wurde, nicht aufgehört hat: Sie durchdringt weiterhin die Welt, wenn jemand, angetrieben vom Geist, sich aufmacht, um einem Bruder in Not zu begegnen.
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