„Gepflegt in Gnade“: der griechische Titel Marias in Lukas 1,28

Kecharitôménē – Der einzigartige Titel Marias bei der Verkündigung

Als der Erzengel Gabriel Maria in ihrer Heimatstadt Nazareth besucht, grüßt er sie nicht mit ihrem Namen, sondern mit einem einzigartigen Titel: Kecharitôménē (χεχαριτωμένη), was gewöhnlich als „vollkommen gegräbt“ (Lukas 1,28) übersetzt wird. Dieser Begriff, der in der gesamten Bibel nur an dieser Stelle in diesem vollen Sinne vorkommt, bildet den unentbehrlichen Ausgangspunkt für eine ernsthafte mariologische Untersuchung. Seine griechische Morphologie ist präzise und aufschlussreich: Es handelt sich um ein passives Perfekt des Verbs charitóō (χαριτόω), „Gunst gewähren“, in der Passivform. Maria hat diese Gnade nicht erobert, sondern von Gott empfangen.

Das perfekte Verb im Griechischen drückt eine Handlung aus der Vergangenheit aus, deren Wirkung bis in die Gegenwart anhält. Kecharitôménē bedeutet also „diejenige, die dauerhaft und umfassend durch Gnade verwandelt wurde“. Die Gnade, die Maria erfüllt, ist nicht zufällig oder episodisch, sondern eine stabile Bedingung, die vor dem Moment der Verkündigung besteht. Diese grammatikalische Tatsache hat große theologische Bedeutung: Sie legt nahe, dass die Gnade, die Maria erfüllt, bereits vor dem Zeitpunkt, zu dem Gabriel spricht, also seit ihrer Empfängnis, auf sie herabgereicht wurde.

Kecharitôménē und die Unbefleckte Empfängnis

Die Verbindung zwischen Kecharitôménē und dem Dogma der Unbefleckten Empfängnis (Pius IX, Ineffabilis Deus, 1854) ist das am meisten diskutierte Thema der biblischen Mariologie. Das Lehramt erklärt nicht, dass das perfekte griechische Verb allein das Dogma beweist, sondern dass der biblische Text mit diesem in Einklang steht und darauf hinweist. Das Dogma wird auf der Grundlage des gesamten Schriftworts, der Tradition und des sensus fidei der Kirche definiert. Moderne Exegese, insbesondere die Arbeit von Ignace de la Potterie (Marie dans le mystère de l’Alliance, 1988), hat gezeigt, dass das passive Perfekt Kecharitôménē eine vorherige ontologische Verwandlung impliziert, nicht nur eine moralische Neigung.

Es gibt einen weiteren Vers im Neuen Testament, in dem das Verb charitóō vorkommt: Epheser 1,6, „in dem uns die Gnade geschenkt wurde“ (echaritôsen hêmas en tô êgapêmenô). Im Kontext von Epheser 1,6 drückt das Aorist ein punktuelles Ereignis (die Taufe) aus. Das Perfekt in Lukas 1,28 hingegen drückt einen dauerhaften Zustand aus, der vor dem Moment der Verkündigung liegt. Maria ist daher die Empfängerin einer Gnade von qualitativ unterschiedlicher Art als die gewöhnliche Taufe.

Kecharitôménē in der patristischen und liturgischen Tradition

Die griechischen Kirchenväter kommentierten Kecharitôménē mit dem Bewusstsein seiner Einzigartigkeit. Johannes Damaskenos (Homilia I in Dormitionem) sah in diesem Titel den Ausdruck einer vollen und ursprünglichen Heiligkeit. Die ostliche Liturgie, die nie aufgehört hat, Marias Konzeption als Fest der Reinheit und Gnade zu feiern, findet in Kecharitôménē die biblische Grundlage für die universelle marianische Verehrung. Die aktuelle römische Liturgie verwendet am 8. Dezember Lukas 1,28 als Vers des Aleluia und setzt damit Kecharitôménē in das Herz der dogmatischen Feier ein.

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