Das Magnifikat der neuen Schöpfung: Ps 3,14-18 und Lk 1,46-55, Besuch der Gottesmutter

Meine Seele preist den Herrn, und mein Geist freut sich in Gott meinem Heiland.
«Meine Seele preist den Herrn, und mein Geist freut sich in Gott, meinem Retter» (Lukas 1,46-47; Neues Vulgatum).
Das Magnificat der neuen Schöpfung: Vier marianische Schlüsselelemente in Lukas 1,46-55)
Magnificat der neuen Schöpfung: Die Grundlage dieser Freude ist die Gegenwart des Herrn «im Mittelpunkt von dir». Das hebräische Wort beqerebek bedeutet wörtlich «in deinem Bauch» oder «in deinen Eingeweiden». In der mariologischen Tradition wurde die Tiefe dieser Sprache erkannt: Als Maria Elisabeth besucht, geht sie mit dem Herrn «im Mittelpunkt von ihr», buchstäblich in ihrem Bauch. Die «Tochter Zion», die die Propheten zum Jubel aufriefen, fand ihre vollste Verwirklichung in Maria, die den König Israels, den Emmanuel, den versprochenen Herrn, in sich trägt.
Magnificat der neuen Schöpfung: Vier marianische Schlüsselelemente in der Besuchsgeschichte (Lukas 1,39-56) und dem Magnificat (Lukas 1,46-55) in der Liturgie der Kirche.
II. Der Besuch: Die erste Prozession zum Altar
Die Besuchsgeschichte Lukas’ im Licht des Magnificat der neuen Schöpfung beginnt mit einem Bewegungsangaben: «In jenen Tagen machte sich Maria auf und eilte in die Berge, in eine Stadt Judas». Marias Eile ist keine Angst, sondern die Kraft der Liebe, die zum Ausdruck kommt, indem sie einem Bedürfnis nachgeht. Elisabeth ist alt und schwanger. Maria, jung und gerade erst mit der Ankündigung konfrontiert, geht zu ihr. Diese Bewegung von sich weg und zum anderen hin ist der grundlegende Akt des christlichen Apostolats. Maria wartet nicht darauf, dass die Welt zu ihr kommt, sie geht in die Welt.
Als Maria, die lebendige Antifone des Magnificat der neuen Schöpfung, das Haus Zacharias betrat und Elisabeth grüßte, geschah etwas, das über einfache Gastfreundschaft hinausgeht. «Als Elisabeth Marias Gruß hörte, sprang das Kind in ihrem Schoß auf, und sie wurde vom Heiligen Geist erfüllt». Johannes der Täufer, noch im Mutterleib, erkannte die Gegenwart Christi in Marias Bauch. Marias Gruß war das Instrument, durch das die Präsenz des Herrn sich offenbarte: Johannes sprang vor Freude wie David vor der Lade des Bundes. Maria ist die neue Kiste, die den Herrn aus den Bergen Judas trägt.
Im Blick auf das Magnificat der neuen Schöpfung ist die Ausrufung Isabels die erste christliche Verkündigung: «Gelobt seist du, o Du in den Frauen hochgeehrt, und gelobt sei die Frucht deines Leibes! Wie kommt mir diese Gnade zu, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?» Der Titel «Mutter meines Herrn» ist das lucanische Äquivalent zum efesischen Theotokos: Isabel erkennt in Maria die Mutter jenes, der Herr ist. Und sie fügt die Segenworte hinzu, die durch die Jahrhunderte hallen: «Selig ist, die da glaubt, denn es wird sich erfüllen, was der Herr ihr gesagt hat». Marias Glaube, nicht nur ihre physische Mutterschaft, ist der Grund ihrer Seligkeit.
III. Magnificat der neuen Schöpfung: Lied der eschatologischen Umkehr
Das Magnificat ist das längste biblische Textfragment, das einer Frau zugeschrieben wird, und das reichste Lied der christlichen Liturgie. Lukas hat es auf der Grundlage von Dankgebetsgebeten des Alten Testaments, insbesondere dem Lied der Hanna (1. Sam 2,1-10), aufgebaut und mit spezifischen Elementen aus Marias Erfahrung angereichert. Die Struktur ist dreigeteilt: Dank für die persönliche Erfahrung (Vers 46-50), Verkündigung der Tat Gottes in der Geschichte (Vers 51-53) und Zusammenfassung in der Treue zu den Abrahamitischen Versprechen (Vers 54-55).
Der zentrale theologische Aspekt des Magnificat ist die eschatologische Umkehr, die Gott in der Geschichte vollzieht: «Er stürzte die Mächtigen von ihren Thronen und erhob die Elenden. Er füllte die Hungernden mit Gütern und schickte die Reichen leer davon». Diese Umkehr ist keine vage Versprechung für eine unbestimmte Zukunft, sondern wird im vergangenen Zeitform des griechischen Aorists verkündet. Gott hat bereits so gehandelt. Die Inkarnation ist die radikalste Umkehr: Gottes ewiger Sohn wird als Neugeborenes eines machtlosen Mädchens in einem dunklen Dorf Galilias geboren.
Die mariologische Befreiungstheologie, die in Lateinamerika von Autorinnen wie Ivone Gebara und Maria Clara Bingemer entwickelt wurde, fand im Magnificat eine biblische Grundlage für ein Verständnis Marias als Prophetin der sozialen Gerechtigkeit. Ohne Maria zu einer politischen Figur zu reduzieren, verhindert das Magnificat, dass die marianische Frömmigkeit entfremdend wird: Maria preist einen Gott, der gleichgültig gegenüber Ungerechtigkeit nicht ist, der sich mit den Hungernden und Elenden identifiziert und in der Geschichte für Ordnung sorgt, die durch die Sünde gestört wurde. Das Magnificat ist zugleich Gebet und Programm.
IV. Magnificat der neuen Schöpfung: Die Visitation als Modell für die Mission der Kirche
An der liturgischen Feier der Visitation Mariens (31. Mai oder 1. Juni) verkündet die Kirche das Magnificat der neuen Schöpfung besonders intensiv. Maria wird zur ersten Evangelisatorin, die das Wort in Fleisch geworden zum Haus von Zacharias und Elisabeth bringt. Dieser Akt eröffnet die Missio Ecclesiae: aufeinander zugehen, Freude teilen, das Lied der neuen Schöpfung in den menschlichen Haushalten widerhallen lassen.
Das „Magnificat der neuen Schöpfung“ hallt es auch in den Abendgebeten jeder Vesper wider: Die ganze Kirche nimmt täglich das marianische Lied auf und schließt sich mit der Jungfrau Maria zusammen, um die Barmherzigkeit des Herrn zu verkünden, die sich „von Generation zu Generation“ ausbreitet. So wird das Magnificat zur ständigen Gebetshaltung der Pilgerkirche, einer liturgischen Vorwegnahme von Jerusalem im Himmel, wo Maria bereits als Mutter der neuen Schöpfung herrscht.
In Hesekiel 3,14-18 wird dem „Sohn Zion“ die Freude des Herrn verkündet, der in seiner Mitte wohnen wird. Lukas 1,46-55 zeigt Maria als wahre Tochter Zion, wo diese Verheißung erfüllt wird. Das „Magnificat der neuen Schöpfung“ ist daher der Schnittpunkt zwischen dem alttestamentlichen Hoffnungsschmaus und seiner Erfüllung im Neuen Testament, zwischen Israel und der Kirche, zwischen Schöpfung und neuer Schöpfung in Christus.
Das Fest der Besuchsreise beendet den Mai, den Monat Maria, mit einer Szene voller Bewegung und Begegnung. Maria blieb nicht in Nazaret mit ihrer Freude. Sie teilte sie. Und indem sie sie teilte, machte sie es möglich, dass der Heilige Geist über Elisabeth kam und Johannes der Täufer den Herrn erkannte. Die Mission der Kirche hat diese Wegstruktur: Aufbrechen, aufeinander zugehen, die Gegenwart Christi zu denen bringen, die ihn noch nicht kennen oder ihn wiederentdecken müssen.
Die dreimonatige Verweildauer Marias bei Elisabeth offenbart, dass Mission kein einmaliger Akt ist. Es ist eine Gegenwart. Maria kam nicht nur vorbei, verkündete und ging. Sie blieb drei Monate. Diese Kleinigkeit hat eine Tiefe, die die mariologische Spiritualität oft hervorgehoben hat: Die Mission, die man mit Eile ausführt, um aufeinander zugehen, sollte auch Geduld haben, sich begleiten, täglich dienen. Das große Evangelisieren beginnt in den kleinen Gesten des treuen Dienstes.
Das Fest der Besuchsreise lädt die Kirche und jeden Christen ein, Marias Bewegung nachzuahmen: Aufbrechen mit Eile, auf die Berge steigen, aufeinander zugehen denen, die leiden und hoffen, die Gegenwart Christi, die im Herzen durch den Taufakt wohnt, mit sich führen. Wo immer ein Gläubiger Christus mit sich führt, kann es passieren, was geschah, als Maria in Elisabeths Haus einzog: Der Geist kam herab, das im Dunkel Stehende erkannte das Licht, das, was stumm erwartete, konnte endlich Freude ausbrechen lassen. Die Besuchsreise ist das ewige Ikon der christlichen Mission.
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