Pseudodionysius Areopagita – De caelesti hierarchia: die neun himmlischen Chöre der Engel
Das Werk *De caelesti hierarchia* (Über die himmlische Hierarchie) des *Pseudo-Dionysius Areopagita* (anonymen syrischen Autors des 5.-6. Jahrhunderts, fälschlicherweise mit Dionysius Areopagita, dem von Paulus im Akt 17,34 bekehrten, gleichgesetzt) ist der endgültige strukturierende Lehrtext über die Neun Himmlischen Chöre. Seine Einflussnahme auf die westliche Theologie, insbesondere durch Thomas von Aquin, ist absolut.
| Autor | Pseudo-Dionysius Areopagita (anonymer syrischer Autor, 5.-6. Jh.) |
| Werk | *De caelesti hierarchia* (Peri tes ouranias hierarchias) |
| Originalsprache | Griechisch |
| Zeitraum | Um 500 n. Chr., Syrien |
| Lehramtliche Anerkennung | Von der Kirche anerkannt, obwohl die apostolische Zuweisung falsch ist. |
Geschichte der Zuweisung
Der Autor bezeichnet sich als „Dionysius“, der von Paulus im Areopag von Athen bekehrt worden sei (Akt 17,34). Diese Zuweisung wurde bis zur Renaissance akzeptiert, ist heute jedoch als Pseudonym erkannt. Der tatsächliche Verfasser war wahrscheinlich ein syrischer Mönch am Ende des 5. Jahrhunderts (um 500 n. Chr.), der von der neoplatonischen Philosophie Proklos’ (412-485) beeinflusst war. Die Entdeckung der falschen Zuweisung durch Lorenzo Valla (1457) und Erasmus von Rotterdam minderte die Autorität des Werks nicht; das Lehramt erkennt seine Lehre als authentisch katholisch an.
Struktur des *De caelesti hierarchia*
Das Werk umfasst 15 Kapitel, die sich um drei Themenordnungen gruppieren:
- Kapitel 1-3: Allgemeine Prinzipien über Engel als göttliche Boten
- Kapitel 4-9: Beschreibung der drei Hierarchien und der neun Chöre
- Kapitel 10-15: Die Beziehung der Engel zu Menschen und Kosmos
Die drei Hierarchien
Pseudo-Dionysius ordnet die Engel in drei Hierarchien mit je drei Chören ein:
I. Erste Hierarchie (Supreme) – Kap. 7
„Die erste Hierarchie ist nahe bei der primären Gottheit und nimmt als erste an der direkten Erleuchtung durch Gott teil.“
- Serafinen (Hebr. *seraphim*, „brennend“): Direkte Kontemplation der göttlichen Liebe
- Cherubinen (Hebr. *kerubim*): Vollendetes göttliches Wissen
- Thrones: Unveränderliche Anbetung der Gegenwart Gottes
II. Zweite Hierarchie (Intermedia) – Kap. 8
„Die zweite Hierarchie empfängt das Licht der ersten und übermittelt es an die dritte.“
- Kyrioteten (Dominaationen): Herrschen über den untergeordneten Chören
- Dynamen (Virtuen): Kosmische Kraft, Ausführung von Wundern
- Exousiai (Potestaten): Ordnung der Hierarchien
III. Dritte Hierarchie (Inferieure) – Kap. 9
„Die dritte Hierarchie ist nahe bei der Welt der Menschen, sie übt die providenzielle Handlung aus.“
- Archai (Principate): Herrschaft über Völker und Nationen
- Archangeloi (Arcanjos): Boten großer Taten
- Angeloi (Engel): Persönliche Boten
Griechischer Text – Kap. 7 (Auszug)
«Wir untersuchen die himmlischen hierarchischen Ordnungen und erklären, dass die angemessenste und theologisch erste Ordnung die heilige Konstellation der Serafinen, Cherubim und Throne ist.»
Die drei Merkmale der himmlischen Hierarchie
Pseudo-Dionysius beschreibt, dass jede engelische Hierarchie drei Merkmale aufweist:
- Reinigung (Katharsis): sich von jeder Unvollkommenheit befreien
- Erleuchtung (Photismus): die göttliche Lichtempfangend
- Vollendung (Teleiosis): sich mit der Quelle des Guten vereinen
Diese drei Momente sind auch charakteristisch für die menschliche kirchliche Hierarchie: daher ihr Einfluss auf die sakramentale Theologie und das Mönchtum.
Historische Rezeption
Patristik und byzantinische Tradition
- Saint Maximus der Bekenner (7. Jahrhundert): erster bedeutender griechischer Kommentator zu Pseudo-Dionysius
- Saint Johannes Damaskenos (8. Jahrhundert): integriert die Lehre in seine theologische Synthese
- Patriarch Fökal (9. Jahrhundert): erkennt die Autorität des Werkes in der byzantinischen Kirche an
Mittelalterliche lateinische Tradition
- Johannes Scotus Erigena (9. Jahrhundert): erste lateinische Übersetzung
- Saint Bernard (12. Jahrhundert): verwendet das Werk intensiv in seinen mystischen Schriften
- Hugo von Saint-Victor (12. Jahrhundert): erster bedeutender lateinischer Kommentator
- Thomas von Aquin (13. Jahrhundert): integriert die Hierarchie Dionysius’ in seine Summa Theologica und begründet das scholastische System der Engelkunde
- Saint Bonaventur (13. Jahrhundert): entwickelt die mystische Seite weiter
- Meister Eckhart (14. Jahrhundert): mystische Spekulation basierend auf Pseudo-Dionysius
Moderne Kirche
- Katechismus von Rom (1566): übernimmt die Hierarchie Dionysius’
- Katechismus der Katholischen Kirche (1992): erwähnt implizit die neun Chöre (Kap. 330)
- Liturgie der Stunden: die Vesperhymnen, insbesondere die am Freitag, beziehen sich häufig auf die neun Chöre
Theologische Bedeutung
Das Werk Pseudo-Dionysius’ beantwortet zwei zentrale Fragen der Engelkunde:
1. Warum die Zahl «neun»?
Drei Dreiergruppen von drei: eine trinitarische Struktur, multipliziert mit sich selbst. Die Zahl neun ist symbolisch das Maß der göttlichen Vollkommenheit. Die neun Chöre spiegeln die Dreieinigkeit in der spirituellen Schöpfung wider.
2. Warum existiert die engelische Hierarchie?
Um an dem Geschenk Gottes auf unterschiedliche Weise teilzuhaben: je näher bei Gott, desto vollkommener empfängt man die göttliche Erleuchtung. Die Hierarchie ist kein Herrschaftsgebiet, sondern ein Dienst der Erleuchtung.
Pseudo-Dionysius in der christlichen Ikonographie
Die neun Chöre der Engel wurden in der christlichen Ikonographie ab Pseudo-Dionysius kodifiziert:
- Serafins: sechs Flügel, rot und feurig
- Querubine: blau, mit Büchern (Weisheit) oder Flügeln, die ihren Körper bedecken
- Thronschöne: Gestalten mit Rädern (nach Ezekiel 1)
- Herrscher: mit Zeptern
- Tugendengel: mit Aura, ätherische Kräfte
- Machtengel: in Waffen, Schutz
- Fürsten: Beschützer von Völkern
- Arkanengel: geflügelt, jung und bewaffnet (insbesondere Michael, Gabriel, Rafael)
- Engel: geflügelt, in weißen Gewändern gekleidet
Zusätzliche Lektüre
Saint Thomas – Traktat über die Engel (Suma Theologica, 50-64) | Saint Michael | Saint Gabriel | Saint Rafael | Engel der Wacht
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