Salve Regina: Ursprung, Geschichte und Theologie der marianischen Antifon

Von Prof. Dr. Daniel C. Afonso · Aktualisiert am
Die Salve Regina (lateinisch für „Sei gegrüßt, Königin“) ist die berühmteste marianische Antiphon in der westlichen christlichen Tradition. In einem Gebet vereint sie die Begrüßung, die Anerkennung der menschlichen Bedürftigkeit und den Aufruf zur Fürbitte der Muttergottes. Das Verständnis der Herkunft, Geschichte und Theologie der Salve Regina ist für das Verständnis der mittelalterlichen und modernen Marienverehrung von wesentlicher Bedeutung. Diese Darstellung über die Salve Regina bietet eine kommentierte lateinische Version, behandelt die umstrittene Frage der Urheberschaft und beschreibt ihre liturgische Verwendung seit dem 12. Jahrhundert.
Was ist die Salve Regina?
Die Salve Regina (lateinisch: “Sei gegrüßt, Königin”) ist eine der ältesten und meistverehrten marianischen Antiphonen in der katholischen Liturgie. Sie gehört zu den vier abschließenden Antiphonen der Kompleten (letzte Stunde des Römischen Breviers) und wird während des größten Teils des Kirchenjahres von Pfingsten bis zum ersten Sonntag der Adventszeit gebetet. Sie ist auch das Gebet, mit dem das Rosenkranzgebet nach den glorreichen Geheimnissen endet, und sie ist seit dem 13. Jahrhundert Teil der Kompleten im Römischen Ritus. Ihre Struktur ähnelt einer Bitte: Sie grüßt Maria, beschreibt die Lage der Gläubigen und bittet um ihre Fürbitte.
Text der Salve Regina
Der ursprüngliche lateinische Text:
Salve, Regina, Mater misericordiae. Vita, dulcedo et spes nostra, salve. Ad te clamamus, exsules filii Evae. Ad te suspiramus gementes et flentes in hac lacrimarum valle. Eia ergo, advocata nostra, illos tuos misericordes oculos ad nos converte. Et Iesum, benedictum fructum ventris tui, nobis post hoc exsilium ostende. O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria.
Die deutsche Übersetzung:
“Sei gegrüßt, Königin, Mutter der Barmherzigkeit, unser Leben, unsere Süße und unsere Hoffnung, sei gegrüßt. Zu dir rufen wir, vertriebene Söhne Evas. Zu dir seufzen wir, trauernd und weinend in diesem Tal der Tränen. Wohlan denn, unsere Fürsprecherin, wende deine barmherzigen Augen uns zu. Und zeige uns nach diesem Exil Jesus, die gesegnete Frucht deines Leibes. O milde, o gütige, o süße Jungfrau Maria.”
Ursprung und Autorenschaft
Die Autorenschaft der Salve Regina ist umstritten und es gibt drei historische Kandidaten:
1. Peter von Mezonzo (†1003), Bischof von Santiago de Compostela, wird von der spanischen Tradition als Verfasser genannt.
2. Hermannus Contractus (†1054), Benediktiner aus Reichenau, dem auch die Alma Redemptoris Mater zugeschrieben wird.
3. Adhémar von Monteil (†1098), Bischof von Le Puy-en-Velay und päpstlicher Legat beim Ersten Kreuzzug, der angeblich die Salve nach der Schlacht von Antiochia (1098) singen ließ. Der erste schriftliche Nachweis findet sich in einem Kloster-Manuskript aus dem 12. Jahrhundert. Die aktuelle Version enthält den Zusatz “O clemens, o pia, o dulcis Virgo Maria”, der Adhémar von Monteil zugeschrieben wird, ohne dass dies jedoch sicher belegt wäre.
Theologische Struktur
Die Salve Regina lässt sich in vier Momente unterteilen:
1. Gruß: Maria wird als “Königin, Mutter der Barmherzigkeit, Leben, Süße und Hoffnung” gegrüßt. Die Titel beziehen sich auf die Lauretanische Litanei.
2. Lage der Gläubigen: Die Gläubigen werden als “Söhne Evas im Exil” im “Tal der Tränen” beschrieben, was ihre irdische Situation als Exil fern der himmlischen Heimat symbolisiert.
3. Bitte: Man bittet Maria, ihre “barmherzigen Augen” auf die Gläubigen zu richten, um ihren mütterlichen Schutz zu erbitten.
4. Eschatologische Hoffnung: Nach diesem Exil soll sie uns Jesus, den Sohn Gottes, zeigen. Das Gebet endet immer mit einer christologischen Note: Maria ist nicht das Ziel, sondern der Weg zum Sohn.
Die Salve im Rosenkranz und in der Liturgie
Die Dominikaner übernahmen die Salve im 13. Jahrhundert und förderten ihre weltweite Verbreitung durch das Rosenkranzgebet. Papst Innozenz IV. (1243-1254) erlaubte ihre Rezitation in den Kompleten. Im Jahr 1884 legte Leo XIII. fest, dass nach feierlichen Sonntagsmessen das Rosenkranzgebet mit der Salve Regina und dem Gebet zum Erzengel Michael rezitiert werden soll, eine Praxis, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil abgeschafft wurde, aber an vielen Orten weiterhin gepflegt wird. Die Salve wird auch bei Kapitelversammlungen vieler Orden und am Ende der monastischen Kompleten gesungen.
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Das Gebet des Heiligen Rosenkranzes wird durch die Salve Regina abgeschlossen.
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