Heilige Maria von Nazaret

Santa Maria de Nazaré

„Und er war unter ihnen unterwürfig.“ (Lk 2,51)

I. „Geboren von einer Frau, geboren unter dem Gesetz“: Das Paradox der göttlichen Gehorsamkeit

Die paulinische Synthese der Inkarnation im Brief an die Galater fasst die tiefste Realität des christlichen Lebens in zwei Partizipien zusammen: Gott wurde gehorsam. Das Ewigkeitswesen, Allmächtige und Unbegrenzte, nahm es hin, sich unterwerfen zu müssen der historischen Kontingenz, den kulturellen Einflüssen und den religiösen Vorschriften eines bestimmten Volkes. Und er tat dies nicht oberflächlich oder scheinbar, sondern wirklich: Er wuchs heran, lernte, gehorchte, arbeitete mit seinen Händen, lebte dreißig Jahre lang in dem Dorf Nazareth, ohne dass jemand seine Identität kannte.

Die „Adoption als Sohn“, die Paulus als Frucht dieser gehorsamen Inkarnation verkündet, geschieht nicht nur im Oster- oder Taufezeitpunkt, sondern beginnt bereits in Nazareth, im alltäglichen Rhythmus einer Familie, die betet, arbeitet und wächst nach göttlichen und menschlichen Maßstäben. Maria ist das Herz dieses Geheimnisses von Nazareth. Sie schafft den Glauben, Gebets- und Bruderliebe-Raum, in dem der Sohn Gottes zum Menschen heranwächst. Sie lehrt ihm die ersten Worte, erzählt ihm Geschichten über Abraham und Mose, führt ihn in die Gebete des Volkes Israel ein. Marias Mutterheit in Nazareth ist eine erzieherische, formende und am Projekt Gottes teilnehmende Art, die jenseits aller Vorstellungskraft liegt.

II. Das Geheimnis der Verbergung und die Pädagogik der Stille

Nach der Szene des jungen Jesus im Tempel beschreibt Lukas dreißig Jahre seines Lebens mit einer einzigen Phrase: „Und Jesus wuchs heran in Weisheit, Größe und Gnade vor Gott und den Menschen“ (Lk 2,52). Dreißig Jahre in einem Satz zusammengefasst: Wachstum in Menschlichkeit, Spiritualität und Beziehungen. Gott wählte, den größten Teil seines menschlichen Lebens in diesem stillen Wachstum zu verbringen, fernab von Menschenmengen und Wundern, fernab jeglicher Publicity oder Anerkennung. Und er lebte es mit Maria und Josef in Nazareth.

Diese Verbergung ist kein unbedeutender Vorlauf seines öffentlichen Lebens, sondern eine Offenbarung an sich. Sie offenbart, dass Gott nicht auf große menschliche Gesten angewiesen ist, um präsent zu sein und zu wirken. Sie offenbart, dass das alltägliche Familienleben, die manuelle Arbeit, regelmäßige Gebete, gehorchames Kindsein bereits Teil des göttlichen Mysteriums sind. Und sie offenbart, dass Maria, die diese dreißig Jahre an der Seite des Sohnes Gottes gelebt hat, die unübertroffene Meisterin eines in Christus mit Gott verborgenen Lebens ist, das weiß, wie schwer und doch wie schön eine Liebe ist, die sich nicht zur Schau stellt, die keine Anerkennung sucht, die sich ganz im Schweigen des gewöhnlichen Lebens gibt.

III. «Und er ging mit ihnen hin nach Nazareth und war ihnen untertan»

Der Vers 51 des zweiten Kapitels im Lukasevangelium ist einer der theologisch reichsten Abschnitte des gesamten Evangeliums. Nach der Szene im Tempel, als der zwölfjährige Junge die Lehrer mit seiner Weisheit verblüffte und seinen Eltern mitteilte, dass er sich nun «den Dingen meines Vaters widmen müsse» (Lukas 2,49), fügt der Text na Fortsetzung ohne Unterbrechung hinzu: «Und er ging mit ihnen hin nach Nazareth und war ihnen untertan» (Lukas 2,51). Was der Junge im Tempel über seine göttliche Mission geäußert hatte, steht in keinem Widerspruch zu seiner Gehorsamkeit gegenüber der Familie aus Nazareth: Beide Dinge existieren harmonisch nebeneinander, denn die Unterwerfung unter den himmlischen Vater und die Gehorsamkeit gegenüber den irdischen Eltern widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich im Geheimnis einer Inkarnation, die alle Bedingungen des menschlichen Lebens umarmt, einschließlich der Kindheit und Jugend.

Maria bewahrt dieses Ereignis wie auch andere in ihrem Herzen: «Und seine Mutter behielt alle diese Dinge in ihrem Herzen» (Lukas 2,51). Die Wiederholung dieser Formulierung, die bereits in Lukas 2,19 für die Szene der Hirten verwendet wurde, offenbart die Kontinuität einer spirituellen Haltung: Maria reagiert nicht äußerlich auf das, was sie nicht versteht, sondern internalisiert, bewahrt und meditiert. Marias Herz ist ein lebendiges Archiv der göttlichen Geheimnisse, ein Raum der Kontemplation, in dem Ereignisse bis zu dem Zeitpunkt aufbewahrt werden, an dem ihre volle Bedeutung zugänglich wird.

IV. Maria von Nazareth als Vorbild für die Heiligung im Alltag

Die achte Messe des Messbuchs stellt Maria von Nazareth als Vorbild für die Heiligung des gewöhnlichen Lebens dar. Es geht nicht um Maria mit den außergewöhnlichen Privilegien und Ereignissen, auf die diese Messe zunächst abzielt: Vielmehr wird Maria der dreißigjährigen Frau aus Nazareth dargestellt, die Brot knetete, Wäsche wusch, mit dem Sohn die Gebete des Psalters betete, José in seiner Werkstatt begleitete und Jesus in den Traditionen des Volkes Gottes erzog.

Die Mariologie von Nazareth ist eine Mariologie der Immanenz: Gott, der sich im konkretesten und kleinsten menschlichen Raum, der Familie, dem Haus, der Werkstatt, dem Ofen, manifestiert. Und Maria ist die perfekte Bewohnerin dieses göttlich-menschlichen Raums: Sie, die erkennen konnte, dass Gott in dem Gesicht des Sohnes präsent war, der ihr Brot bat, sie, die die göttliche Wille in der alltäglichen Gehorsamkeit gegenüber den Gewohnheiten des Familienlebens erkannte, sie, die Nazareth nicht als Ort der ungeduldigen Erwartung des Beginns des öffentlichen Lebens sah, sondern als vollen Sinnraum, in dem das Wort Gottes im Schweigen wuchs, bis zum Zeitpunkt, den der Vater bestimmt hatte.

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