Thomas von Aquin – Traktat über die Engel (Summa Theologica, I, Fragen 50-64): philosophisch-theologische Synthese
# Das Werk *Summa Theologica* von Thomas von Aquin (Suma Teológica, Teil I, Fragen 50-64)
Das *Tratado dos Anjos* (*Summa Theologica*, Teil I, Fragen 50-64) von Thomas von Aquin (1225-1274), Dominikanerorden (OP), gilt als die systematischste und tiefgründigste angelspezifische Theologie, die je verfasst wurde. Verfasst zwischen 1265 und 1268 in Rom und Paris, bildet es den theoretischen Rahmen für die katholische Theologie über Engel bis heute. Das Werk beeinflusste direkt die Lehre des Römischen Katechismus (1566), des Zweiten Vatikanischen Konzils (LG 49-50) sowie des *Katechismus der Katholischen Kirche* (1992).
## Autor und Struktur des Werks
– **Autor:** Thomas von Aquin, OP (1225-1274)
– **Werk:** *Summa Theologica*, Teil I, Fragen 50-64
– **Verfasst:** 1265-1268
– **Titel des Autors:** Doktor Angélico (von Pius V im Jahr 1567 proklamiert)
– **Theologische Anerkennung:** Doktor der Kirche (Leone XIII, 1879)
## Struktur des *Tratado dos Anjos*
### I. Die Substanz der Engel (Fragen 50-53)
– **Frage 50: Über die Substanz der Engel:** Ihre spirituelle Natur.
– **Frage 51: Über die Vereinigung der Engel mit Körpern:** Können Engel sichtbare Körper annehmen.
– **Frage 52: Über den Ort der Engel:** Ihre Beziehung zum Raum.
– **Frage 53: Über die lokale Bewegung der Engel:** Wie sie sich “bewegen”.
### II. Das Wissen der Engel (Fragen 54-58)
– **Frage 54: Über das allgemeine Wissen der Engel**
– **Frage 55: Wie die Engel wissen:** Durch eingeprägte Spezies, nicht durch erworbene Kenntnisse.
– **Frage 56: Über das unmateriale Wissen:** Wie sie sich gegenseitig kennenlernen.
– **Frage 57: Über das Wissen der Engel über materielle Dinge**
– **Frage 58: Über die Art des angelspezifischen Wissens:** Intuitiv, nicht diskursiv.
### III. Der Wille der Engel (Fragen 59-60)
– **Frage 59: Über den Willen der Engel**
– **Frage 60: Über die Liebe oder Zuneigung der Engel**
### IV. Die Schöpfung und der ursprüngliche Zustand der Engel (Fragen 61-64)
– **Frage 61: Über die Schöpfung der spirituellen Substanzen der Engel**
– **Frage 62: Über die Vollkommenheit der glückseligen Engel im Zustand der Herrlichkeit**
– **Frage 63: Über die Sünde der Engel durch Böswilligkeit**
– **Frage 64: Über die Strafe der Dämonen**
## Zentrale Thesen Thomás über die Engel
1. **Engel als rein spirituelle Substanzen:**
*”Substantiae spirituales seu intellectuales sunt incorporeae, omnino. Et hae sunt quas vocamus angelos.”* (ST I, Frage 50, Antwort 1)
Thomas argumentiert gegen Bonaventa von Bagnoregio, dass Engel reine Geister oder Intellektwesen sind, ohne Materie. Jeder Engel ist eine eigene Spezies und kein Individuum einer allgemeinen Spezies.
2. **Jeder Engel ist eine eigene, unterschiedliche Spezies:**
*”Plures sunt angeli numero secundum diversitatem speciei.”* (ST I, Frage 50, Antwort 4)
Es gibt viele Engel in Bezug auf die Vielfalt ihrer Arten.
Diese These ist typischerweise tomistisch: Jeder Engel ist eine einzigartige Spezies, Sankt Michael gehört zu einer anderen Spezies als Sankt Gabriel. Diese mutige These wurde von einigen Escotisten in Frage gestellt, aber sie wurde später zur orthodoxen Lehre in der Scholastik.
3. Intuitives Wissen der Engel
“Angeli omnia intuent in essentia divina” (Summa Theologica I, Frage 56, Artikel 3).
„Die Engel erkennen alle Dinge in der göttlichen Essenz.“
Die Engel denken nicht diskursiv wie Menschen, sondern erkennen intuitiv, indem sie die Wesenheiten der Dinge in Gott sehen. Daher kennen sie sich gegenseitig perfekt.
4. Der Fall der Engel durch Hochmut
“Peccatum primum angeli fuit superbia… appetiit aliquid divinum esse, quod sibi non debebatur” (Summa Theologica I, Frage 63, Artikel 2).
„Der erste Sünde der Engel war Hochmut… er begehrte etwas Göttliches, das ihm nicht zustand.“
Thomas analysiert detailliert den Fall der Engel. Luzifer wollte eine „Gleichheit mit Gott“, die seiner geschaffenen Natur nicht zustehe. Dieser Hochmut war kein intellektueller Fehler, sondern ein unwiderruflicher freier Wille.
5. Die Unwiderruflichkeit der Wahl der Engel
“Voluntas angeli, ex sua natura, immobiliter inhaeret ei quod elegit” (Summa Theologica I, Frage 64, Artikel 2).
„Die Willensentscheidung des Engels ist aufgrund seiner Natur unwandelbar, was er gewählt hat.“
Engel können ihre Wahl nicht ändern wie Menschen. Daher ist der Fall der Dämonen endgültig und unwiderruflich; sie werden für immer im Zustand bleiben, in dem sie sich entschieden haben.
Die neun himmlischen Chöre
Thomas übernimmt die Hierarchie der neun Chöre von Pseudo-Dionysius Areopagita (5. Jahrhundert) und systematisiert sie:
| Hierarchie | Chor | Aufgabe | Etymologie |
|---|---|---|---|
| 1. | Serafins | Liebe zu Gott | “Ardentes” |
| Querubins | Wissen über Gott | “Vollendetes Wissen” | |
| Tronos | Stabilität der göttlichen Gerechtigkeit | “Sehnsucht nach Gott” | |
| 2. | Dominações | Regieren anderer Hierarchien | , |
| Virtudes | Verrichten von Wundern | “Kraft” | |
| Potestades | Widerstehen des Bösen | “Macht” | |
| 3. | Principaten | Bewachen von Völkern und Nationen | , |
| Arcanjos | Botschafter großer Dinge | “Hauptengel” | |
| Engel | Botschafter besonderer Dinge | “Boten” |
Magisterielle Einflussnahme
**Einfluss des Traktats über die Engel von Thomas von Aquin:**
– **Konklave von Trient (1545-1563):** Thomas von Aquin wurde während des Konklaves neben der Heiligen Schrift auf dem Altar platziert.
– **Romanisches Katechismus (1566):** Der Katechismus fasst die tomistischen Lehren in einer prägnanten Form zusammen.
– **Enzyklika Aeterni Patris (Leone XIII, 1879):** Papst Leo XIII erklärt Thomas von Aquin zum “Dottore Comune della Chiesa” (Gemeinsamen Doktor der Kirche).
– **Codex Iuris Canonici (1917, kan. 1366; 1983, kan. 252):** Die Theologie soll nach dem “Methodus, doctrina et principia Doctoris Angelici” (Methode, Lehre und Prinzipien des Doktor der Engel) unterrichtet werden.
– **Vaterliches Konzil:** Die Enzykliken Optatam Totius n. 16 und Gravissimum Educationis n. 10 bekräftigen Thomas von Aquin als Meister der katholischen Theologie.
– **Johannes Paul II, Fides et Ratio (1998):** “Saint Thomas hatte immer die Ehre, die richtige Beziehung zwischen Glaube und Vernunft zu stellen.”
**Philosophische Auswirkungen des Traktats:**
– **Metaphysik:** Behandlung der Stufen des Seins von geschaffenen Wesen bis hin zu reinen Geistwesen.
– **Epistemologie:** Unterscheidung verschiedener Wissensarten: sinnliches, rationales und intuitives Wissen.
– **Anthropologie:** Der Mensch als “mittleres Wesen” zwischen Engeln und Tieren.
– **Philosophie der Seele:** Die Intelligenz als spirituelle Fähigkeit.
– **Kosmologie:** Das unsichtbare Reich als reale Dimension des Universums.
**Weiterführende Lektüre:**
– IV. Konzil von Latrun 1215 – Firmiter Credimus (Über Engel und Dämonen)
– Florentinisches Konzil 1442 – Cantate Domino (Über Engel und Dämonen)
– Romanisches Katechismus 1566 – Über Engel und Dämonen
– Katechismus der Katholischen Kirche – Über Engel und Dämonen
**Zusätzliche Information:**
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