Glaube und Vernunft – Maria als Modell von Glaube und Vernunft (Johannes Paul II, vollständiger Text)

Von Prof. Dr. Daniel C. Afonso · Aktualisiert am
Die Enzyklika Fides et Ratio von Johannes Paul II. über das Verhältnis von Glaube und Vernunft, veröffentlicht am 14. September 1998, zum Hochfest der Heiligen Kreuzerhebung, enthält einen ausführlichen Abschnitt am Ende über die Jungfrau Maria als Vorbild für die Verbindung von Glaube und Vernunft, die „glaubte“ (Lukas 1,45) ohne die Vernunft aufzugeben, sondern durch die Gnade des Glaubens zu erheben.
| Verfasser | Papst Johannes Paul II. (Karol Wojtyla) |
| Art | Enzyklika |
| Datum | 14. September 1998 |
| Thema | Glaube und Vernunft: Maria als Vorbild ihrer Vereinigung |
| Incipit | Fides et Ratio („Glaube und Vernunft“) |
| Quelle | AAS 91 (1999) 5-88 |
Originaltext in Latein – Kap. 108: Maria, Modell der Vereinigung von Glaube und Vernunft
n. 108 – Fides et ratio duae quasi alae sunt, quibus spiritus humanus ad contemplationem veritatis attollitur. Deus enim homini dedit ut ipsum, uti unum ens, ratione ac fide attingeret. Utrumque enim a Deo proficiscitur: ratio quae in primis condita est, fides autem revelata et in Baptismate accepta.
n. 108 (cont.) – In hoc prospectu, Virgo Maria est exemplar syntheseos fidei et rationis. Ipsa quaesivit: «Quomodo fiet istud?» (Lc 1,34), quaestio rationis, non incredulitatis. Et simul credidit: «Ecce ancilla Domini; fiat mihi secundum verbum tuum» (Lc 1,38). In Maria quaestio rationis et responsio fidei in unum fusae sunt: intellectus humilis servit fidei, et fides intellectum illuminat et elevat.
Zitat 108
Zitat 108 – Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen der menschliche Geist zur Kontemplation der Wahrheit emporsteigt. Gott hat dem Menschen ermöglicht, ihn als Einheit zu erreichen, sowohl durch die Vernunft als auch durch den Glauben. Beide stammen von Gott: die Vernunft, die ursprünglich geschaffen wurde, und der Glaube, der offenbart und im Taufakt empfangen wurde.
Zitat 108 (Fortsetzung) – Aus dieser Perspektive ist die Jungfrau Maria das Vorbild für die Synthese von Glaube und Vernunft. Sie fragte: «Wie kann das geschehen?» (Lukas 1,34), eine Frage der Vernunft, nicht der Unglauben. Gleichzeitig glaubte sie: «Hier bin ich, die Dienerin des Herrn; es geschiehe, wie du es mir gesagt hast» (Lukas 1,38). In Maria verschmolzen die Frage der Vernunft und die Antwort des Glaubens zu einem: Die demütige Intelligenz dient dem Glauben, und der Glaube erleuchtet und erhebt die Intelligenz.
Theologische Bedeutung
Die Mariologie von Fides et Ratio stellt Maria als Archetyp der christlichen Philosophie dar: sie fragt mit intellektuellem Ehrgeiz («Wie kann das geschehen?») und antwortet mit glaubiger Gehorsam («Es geschiehe in mir»). Johannes Paul II. schlägt hier eine Synthese zwischen intellectus fidei (Intelligenz des Glaubens) und fides quaerens intellectum (Glaube, der nach Verständnis sucht) vor, die das Programm der gesamten Theologie darstellt. Maria ist keine Anti-Intellektuelle: Sie ist das Vorbild des treuen Intellektuellen, der die Vernunft zum Dienst am Glauben einsetzt und in dem Glauben das Licht findet, das die Vernunft allein nicht erreicht.
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